Im öffentlichen Interesse: Erweiterte Herstellerverantwortung für Textilien in Deutschland wirksam gestalten
Ich stehe mit einer Tasche voller aussortierter Kleidung im Flur. Darin: eine Jacke mit kaputtem Reißverschluss, zwei ausgeleierte T-Shirts und eine Jeans mit Löchern am Knie. Wohin damit? In die Altkleidersammlung, obwohl manches davon kaum wiederverwendbar ist? Oder doch in den Restmüll? Was wie eine banale Alltagsfrage wirkt, verweist auf ein größeres politisches Problem: Was geschieht mit Textilien, wenn sie nicht mehr getragen werden – und wer trägt die Verantwortung dafür?
Mit der seit Januar 2025 geltenden Pflicht zur getrennten Sammlung von Alttextilien ist diese Frage endgültig im Alltag, in den Kommunen und in der politischen Debatte angekommen. Doch die getrennte Sammlung allein löst die Probleme noch nicht. Offen bleibt, wie Sammel- und Sortiersysteme finanziert, Qualität gesichert, Fehlanreize vermieden und bestehende Strukturen angepasst werden können. Hier setzt die sogenannte erweiterte Herstellerverantwortung an, häufig mit dem englischen Begriff Extended Producer Responsibility (EPR) bezeichnet. Sie soll Hersteller und Inverkehrbringer nicht nur für das Inverkehrbringen von Textilien, sondern auch für deren Sammlung, Sortierung und Verwertung nach der (ersten) Nutzung verantwortlich machen.
Deutschland muss bis 2028 ein EPR-System für Textilien einführen. Seit das klar ist und das zuständige Bundesumweltministerium im März 2026 erste Eckpunkte vorgelegt hat, wird intensiv darüber diskutiert, wie dieses System ausgestaltet werden soll. Industrie und Handel, karitative und gewerbliche Sammler, Städte und Kommunen sowie Umweltverbände und weitere zivilgesellschaftliche Akteure bringen ihre Perspektiven ein. Dabei treffen unterschiedliche Interessen aufeinander. Teilweise sind die Erwartungen an das Instrument hoch und reichen zum Teil über das hinaus, was EPR allein leisten kann.
Hier setzt das Projekt an. Es bündelt Erfahrungen mit EPR-Systemen anderer Abfallströme und aus anderen Ländern, wertet die laufende Debatte in Deutschland systematisch aus und entwickelt fundierte Leitlinien für ein wirksames Textil-EPR-System. Darunter: Notwendige und optionale Elemente, klare No-Gos sowie die Frage, was das Instrument realistischerweise leisten kann – und was nicht. Das Projekt untersucht auch, wie EPR mit weiteren Instrumenten, etwa Ökodesign-Anforderungen oder ergänzenden Regelungen in einem Textilgesetz, zusammenspielen kann.
Ziel ist es, die Debatte fachlich zu fundieren und insbesondere zivilgesellschaftliche Akteure dabei zu unterstützen, ihre Positionen auf einer belastbaren Wissensgrundlage weiterzuentwickeln. Damit knüpft das Projekt an die Rolle des Öko-Instituts an, wissenschaftlich fundiert, unabhängig und im öffentlichen Interesse Stellung zu beziehen – besonders dort, wo wichtige politische Entscheidungen anstehen und starke Interessen wirken. Die Ergebnisse werden in einem Policy Brief gebündelt und durch zielgruppenspezifische Formate für Öffentlichkeitsarbeit und politische Kommunikation ergänzt. So soll das Projekt dazu beitragen, die Einführung eines nachhaltigen und wirksamen EPR-Systems für Textilien in Deutschland konstruktiv zu begleiten.
Laufzeit: 09/2026 – 07/2027
Projektleitung: Clara Löw
Öko-Institut e.V.
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