Kritische Verspätung

Bei kritischer Beurteilung der Rohstofflage hätte die EU schon längst die Versorgung mit kritischen Rohstoffen sicherstellen müssen. Nun wehrt sie sich verzweifelt, aber spät gegen potenzielle Liefersperren. Ein besonders eklatantes Beispiel ist Neodym, das vor allem für die Herstellung starker Permanentmagnete in Elektromotoren und Windkraftanlagen eingesetzt wird. Große Lagerstätten gibt es in Australien, China und den USA. Bei der Aufarbeitung von Erzen mit Neodym müssen erhebliche Mengen des im Erz ebenfalls enthaltenen radioaktiven Thorium und Uran entsorgt werden. Das hat die EU gerne den Chinesen überlassen und ist nun überrumpelt, dass China den Weltmarkt dominiert und die EU erpressen kann. Das gilt auch für weitere kritische Rohstoffe.

Zwar können Klimaschutzmaßnahmen rund ein Drittel des deutschen Rohstoffbedarfs reduzieren, vor allem im Gebäudebereich (Vorrang für Sanierungen und Wohnungsteilungen statt Neubau) und bei der Mobilität (höhere Nutzung von ÖPNV, Bahn, Carsharing und E-Bikes). Aber gleichzeitig steigt bei Elektroautos, Windkraft und Photovoltaik der Bedarf an kritischen Rohstoffen wie etwa Neodym, Lithium oder Kobalt.

Bei der Entsorgung von Photovoltaik- und Windkraft-Anlagen gibt es hohe Recyclingquoten für klassische Rohstoffe wie Aluminium, Glas, Stahl und Beton, aber noch nicht für die kritischen Metalle. Bei den Autobatterien könnte die Rohstoffeffizienz erheblich gesteigert werden. Erstens durch bidirektionales Laden - das spart externe Stromspeicher und das Abregeln von Photovoltaik- und Windkraft-Anlagen. Zweitens durch die Weiterverwendung ausgedienter Autobatterien in stationären Speichern von Photovoltaik-Anlagen. Für Weiterverwendung und Recycling müssten die Autofirmen aber die batteriediagnostischen Daten der mit vielen Sensoren bestückten Autobatterien bereitstellen. Aber eine Weitergabe der Daten zu verbliebener Kapazität, Zahl der Ladezyklen und unerwünschten Überhitzungen sehen die Autohersteller kritisch.

Die EU hat diese Woche endlich ein Strategieprogramm (ResourceEU) und den Aufbau eines Vorratslagers (!) mit kritischen Rohstoffen angekündigt. Aber das genügt nicht.  Zusätzlich muss ab sofort die Datenweitergabe und die Sammlung und Aufbereitung der ausgedienten Elektromotoren und Autobatterien vorgeschrieben werden.

Erschienen in der Frankfurter Rundschau vom 12.12.2025

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